*** Dreimal schwarzer Kater ***



Kapitel 1
Ein lautes Rumpeln holte Christina aus ihren Träumen. Ein Gewitter? Das Rumpeln wurde lauter, näherte sich ihrem Fenster … dann wurde es wieder leiser. Ach, ein Nachbar mit der gelben Tonne … Gelbe Tonne? Dann war ja Dienstag … DIENSTAG??? Sie schreckte hoch … wie spät war es denn? Aber dann fiel ihr ein, dass sie Urlaub hatte. Erleichtert sank sie zurück … tastete mit der rechten Hand nach ihrem Freund … doch der Platz neben ihr im Bett war leer. Nils? Und dann kam die Erinnerung zurück … Nils war nicht mehr da, schon seit drei Wochen nicht mehr. Er hatte eine Andere kennen gelernt und sie von einem auf den anderen Tag verlassen … wenige Tage vor ihrem gemeinsam geplanten Urlaub. Und nun lag sie hier alleine in ihrem Bett – statt mit ihm am Strand von Kreta spazieren zu gehen. Tränen stiegen ihr in die Augen. So einen wunderbaren Mann wie Nils würde sie nie wieder finden … er war doch die Liebe ihres Lebens! Nie wieder …
Die Tränen liefen in Strömen über ihre Wangen. Sie wollte sich gerade so richtig ihrem Liebeskummer hingeben, da klingelte es an ihrer Tür. Nils! Das konnte nur er sein! Sicher hätte er nun eingesehen, dass die Trennung ein Fehler war und er würde sie reumütig um Verzeihung bitten! Hastig wischte sie sich die Tränen von den Wangen, stoppte auf dem Weg zur Tür noch kurz vor’m Spiegel und fuhr sich mit den Fingern durch’s verwuschelte Haar. Mit einem vorfreudigen Lächeln auf den Lippen öffnete sie die Tür …
Kapitel 2
Das Lächeln erstarb ihr auf den Lippen – vor ihrer Haustür stand nicht Nils, sondern der Briefträger, der sie erstaunt musterte. Erst da fiel ihr auf, dass sie im Nachthemd die Tür geöffnet hatte, und verlegen murmelte sie ein “Moment eben”, um sich einen Bademantel zu holen.
“Ich habe hier ein Einschreiben mit Rückschein für Sie”, sagte er, ihr einen Beleg entgegenhaltend, den sie unterschrieb und ihm zurückgab. “Ich wünsche Ihnen noch einen wundervollen Tag!”
“Na ja, irgendwie kann’s ja nur besser werden”, murmelte sie vor sich hin, nachdenklich den Absender betrachtend. Wieso schickte ihr die Firma während ihres Urlaubs einen Brief? Mit Einschreiben-Rückschein? Ein mulmiges Gefühl beschlich sie .. das konnte doch irgendwie nix Gutes bedeuten.
“Aufhebungsvertrag” … die Buchstaben sprangen sie förmlich an. Sie ließ sich auf den Küchenstuhl sinken … was war denn nun passiert? Ihr Chef war doch so zufrieden mit ihr gewesen? “… bedauerlicherweise … wegen Insolvenz … bitte beim Arbeitsamt mit diesem Schreiben melden …”
Freund weg, Job weg … was kam als Nächstes? Das konnte doch irgendwie alles nicht wahr sein …
Sie stellte sich unter die heiße Dusche, zog sich Jeans und Pullover an und beschloss, im kleinen Café in der Nähe zu frühstücken. Jetzt bloß nicht alleine zu Hause herumsitzen! Kaum hatte sie das Café betreten, bereute sie ihren Entschluss – außer ihr war dort nur ein verliebtes Päärchen, das sich auch beim Essen an der Hand hielt und nach jedem zweiten Biss in’s Brötchen küsste. Meine Güte … nun das auch noch …
Seufzend griff sie zu einer Tageszeitung, um sich abzulenken. “Kate und William – Liebescomeback?” … “Traumhochzeit des Prinzen zu Schaumburg-Lippe” … “Sabine Christiansen – der Liebe wegen zieht sie nach Paris”. Ärgerlich faltete sie die Zeitung wieder zusammen – gab’s denn um sie herum nur glückliche Paare? Warum hatte sie es nicht geschafft … warum war er gegangen? Was hatte sie nur falsch gemacht? Was hatte ihm an ihr nicht mehr gefallen? Warum hatte sie nichts gemerkt …
Ihr Gedankenkarussel wurde unterbrochen, weil leise Musik ertönte … und natürlich, als wolle sie das gesamte Universum ärgern, erklang “ihr” Liebeslied … am liebsten hätte sie sich die Ohren zugehalten, aber das hätte dann doch etwas merkwürdig ausgeschaut. Sie trank einen Schluck Milchkaffee und musterte missmutig den jungen Mann, der gerade das Café betreten hatte, seinen etwas merkwürdigen Hut abnahm und sich suchend umschaute. Obwohl viele Tische frei waren, kam er auf sie zu und fragte freundlich: “Was dagegen, wenn ich mich dazu setze?”
Kapitel 3
Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, das “Ja” glich dem zornigen Fauchen einer Katze. Verdutzt schaute er sie an, was sie jedoch gar nicht registrierte, da sie hastig nach ihren Sachen griff, aufstand und mit den Worten “Macht aber nix, ich wollte eh grad gehen ….” einen Geldschein auf den Tisch schmiss und raschen Schrittes das Café verließ. Was für ein grässlicher Tag … am besten würde sie den Rest im Bett verbringen, sich die Decke über die Ohren ziehen und weder die Tür öffnen noch an’s Telefon gehen. Ja, eine gute Idee! Vorher würde sie aber noch ein paar Tafeln Schokolade einkaufen – als Seelentröster!
Oliver setzte sich langsam auf den Platz, auf dem Christina vorher gesessen hatte. SOWAS war ihm ja auch noch nicht passiert. Unsicher lächelte er das Päärchen und den jungen Mann hinter der Theke an, die die Szene beobachtet hatten und ihn nun neugierig anschauten. “Nen Milchkaffee?”, rief der junge Mann fragend. Oliver nickte, und kurz darauf wurde er ihm augenzwinkernd mit den Worten “Sie wird sich bis heute Abend sicher wieder beruhigt haben, und dann könnt ihr ne schöne Versöhnung feiern!” serviert. Als er unschlüssig schwieg, schob ihm der junge Mann das Tablett mit dem Frühstück zu, das Christina gar nicht angerührt hatte. “Hier, das hat sie Dir schonmal übrig gelassen – und der Milchkaffee geht auf’s Haus, zum Trost!”
Oliver nickte langsam, mühsam ein breites Grinsen verkneifend. Musste er das jetzt unbedingt aufklären? Hm … sein spontanes Gefühl verneinte. Es war ein weiteres “Geschenk des Himmels” … eine Serie, die nun schon seit einigen Tagen anhielt und ihn immer mehr verblüffte.
Angefangen hatte alles mit einer Bahnfahrt zum See am Rande der Stadt. Er war mit der älteren Dame, die ihm gegenüber saß, in’s Gespräch gekommen, und durch die angeregte Unterhaltung verging die Fahrt wie im Fluge. Zum Abschied drückte sie ihm ein kleines Büchlein in die Hand: “Hier, bitte, als Erinnerung und Dankeschön. Ich habe mich schon sehr, sehr lange nicht mehr so nett unterhalten wie mit Ihnen.”
Als er einen gemütlichen Platz am Seeufer gefunden und dort seine Decke ausgebreitet hatte, griff er zu dem Buch. Es war ein Notizbuch, und in einer wunderschönen Schrift waren dort Gedichte und Zitate vermerkt. Er schlug das Buch an einer beliebigen Stelle auf und las:
Der Optimist sieht eine Rose,
nicht aber ihre Dornen.
Der Pessimist starrt auf die Dornen
und vergisst die Rose.
[Khalil Gibran]
Und darunter stand: Könnte ich mein Leben nochmal leben, würde ich nur noch auf die Rosen achten!
Ob das die ältere Dame hinzugeschrieben hatte? Sah sie jetzt, am Ende ihres Lebens, was sie hätte besser machen können? Er war noch jung – er konnte ja daraus lernen. Gedankenverloren schaute er auf den See hinaus, wo einige Segelboote im Wind kreuzten. Eine friedliche Idylle … erfüllt von Vogelgezwitscher und dem Lachen der Kinder, die auf der Wiese spielten.
Er würde es ein paar Tage lang versuchen, und seine Aufmerksamkeit bewusst auf die schönen Dinge des Lebens lenken. Ja, und dann fiel ihm so viel Schönes auf … da passierten ihm so viele schöne Dinge … aber vielleicht war’s auch nur Zufall.
Gedankenverloren stellte er seine Tasse ab. Ja, die Gedichte im Buch hatten ihn sehr bewegt. Und irgendwie hatten sie sein Leben – zumindest das der letzten Tage – sehr positiv verändert. Ob das jedem so gehen würde, der in diesem Buch liest?
Eine Idee nahm Gestalt in seinem Kopf an, und mit einem fröhlichen “Danke für den Milchkaffee, nen tollen Tag noch!” verließ er das Café.
Kapitel 4
Christina kämpfte mit den Tränen. Da hatte sie eine gefühlte Ewigkeit in der Schlange an der Supermarktkasse gewartet … nun war sie endlich an der Reihe … und stellte fest, dass sie kein Geld mehr hatte. Sie hatte nur den 10-Euro-Schein in die Hosentasche gesteckt, für’s Frühstück, und in ihrer Wut hatte sie nicht auf das Wechselgeld gewartet. Wie peinlich …
Aber, es blieb ihr nichts anderes übrig, als hochroten Kopfes die Schokolade zurückzulassen. Was nun? Nach Hause? Unschlüssig lief sie ein paar Straßen entlang, gelangte an’s Rheinufer. Sie blieb stehen, schloss die Augen, atmete tief ein und ließ sich den Wind ins Gesicht pusten. Ah, das tat gut …
Und dann beschloss sie, eine Wanderung am Ufer entlang zu machen.
*
Das ist ne richtig schöne Idee! Oliver war richtig begeistert von den guten Einfällen, die er in den letzten Tagen hatte … und er schrieb sie der guten Stimmung zu, die ihn seit Tagen begleitete – und beflügelte. Ja, er würde das Buch “aussetzen”, auf eine Reise mit unbekanntem Ziel schicken! Und er vertraute darauf, dass es der “passende” Mensch finden würde … zumindest gefiel ihm dieser romantische Gedanke sehr.
Nach einem guten Platz für sein Vorhaben Ausschau haltend, ging er durch die Straßen. Er dachte an einen Ort, wo Menschen Ruhe und Erholung suchen … wo sie Gelegenheit haben würden, das Buch auch zu finden. Da erblickte er eine Parkbank. Ja, wunderbar – die war perfekt!
Er setzte sich … das Buch in der Hand haltend. Er blätterte ein letztes Mal durch die Seiten, bedankte sich gedanklich für die wunderbare Inspiration – dann legte er es neben sich. Ein älterer Herr näherte sich, nahm neben ihm Platz. Schweigend saßen sie nebeneinander und schauten in die Ferne, jeder tief in Gedanken versunken. Ob der ältere Herr schon der Empfänger sein wird? fragte sich Oliver. Mit den Worten “Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag” stand er auf und ließ das Buch unbemerkt liegen.
*
Christina war ein weites Stück gelaufen, nun wollte sie eine Rast machen. Sie schaute sich um … ja, neben dem älteren Herrn dort war noch ein Platz frei …
Kapitel 5
“Darf ich mich zu Ihnen setzen?”, fragte sie freundlich. Der ältere Herr blickte auf. Ein Lächeln ging über sein Gesicht: “Aber natürlich, sehr gerne. Wissen Sie, das kommt nicht mehr so oft vor, dass sich so hübsche junge Damen zu mir setzen wollen!” Christina errötete … hübsche junge Dame, na ja. Heute fühlte sie sich alles andere als das …
“Ach, wissen Sie …” Sie verstummte seufzend. Nein, sie wollte weder von ihrem Kummer erzählen noch daran denken … die Stunde, die sie am Rhein entlang gelaufen war und nichts gedacht, einfach nur den Wind und die Sonne genossen hatte – das hatte SO gut getan. Sie wollte einfach noch ein bißchen das friedliche Gefühl, das sie in sich verspürte genießen.
“Ja, ich weiß …” hörte sie da den älteren Herrn sagen. “Ich weiß wie das ist, wenn das Herz schwer ist vor Kummer. Ich weiß wie das ist, wenn man sich hoffnungslos fühlt, einsam und verlassen. Ich weiß das alles.” Er schwieg einen Moment, während er gedankenverloren in die Ferne schaute. Dann holte er tief Luft und sagte: “Aber ich weiß auch, wie man sich da heraushelfen kann … “
Christina schaute ihn von der Seite an. Er machte eine lange Pause, und sie war unsicher, ob sie abwarten sollte bis er weitersprach, oder ob er auf eine Aufforderung, doch zu erzählen, wartete. Sein Blick war in die Ferne gerichtet … und dann begann er zu erzählen: “Ich war Kriegsgefangener … viele Jahre lang. Zwei Jahre davon in Sibirien. Diese eisige Kälte dort … die kann man sich nicht vorstellen, wenn man sie nicht erlebt hat. Dazu der Wind … der Hunger … der geschwächte Körper. Ich habe viele meiner Kameraden sterben sehen … und oft gedacht: jetzt ist auch bald Deine letzte Stunde gekommen. In solchen Momenten habe ich die Augen geschlossen und an meine Heimat, meine Lieben gedacht. Ich habe mich erinnert an die schönen Stunden meines Lebens, und vor allem: an die Sonne! Das hat mein Herz erwärmt … im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich habe überlebt … “
Kirchenglocken unterbrachen seine letzten Worte. Langsam stand er auf und sagte: “Dann will ich mich mal wieder beim lieben Herrgott bedanken gehen.” Er war schon ein paar Schritte gegangen, da drehte er sich zu Christina um und sagte: “Denken Sie an die Sonne, wenn es Ihnen nicht gut geht. MIR hat’s geholfen!”
Sie schaute ihm hinterher, über seine Worte nachdenkend. Ob er wirklich die Kälte in Sibirien überlebt hatte, weil er an die Sonne gedacht hatte? Dann fiel ihr Blick auf das Buch – das hatte er wohl vergessen. Unschlüssig hielt sie das Buch in der Hand, schlug dann neugierig die erste Seite auf. Dort klebte ein Post-it:
Ein Geschenk speziell für SIE!
Von Herzen … ein Verzauberer
Kapitel 6
War das nicht diese Zicke aus dem Café gewesen? Oliver hatte sich von seiner Neugier treiben lassen und aus einiger Entfernung beobachtet, was nun mit dem Buch geschehen würde. Zuerst war er enttäuscht gewesen, dass der ältere Herr es nicht genommen hatte, aber dann sagte er sich, dass das sicher so seinen Sinn haben würde. Die junge Frau hatte er zuerst nur von hinten gesehen, aber als sie nun – mit dem Buch in der Hand – aufstand, meinte er sie zu erkennen. Doch, das war sie … und sie machte nun einen wesentlich netteren Eindruck. Mit sich und dem Erfolg seiner “Mission” zufrieden, machte er sich auf den Heimweg.
*
Christina hatte es sich zu Hause gemütlich gemacht. Bei einer Tasse Tee blätterte sie durch die Seiten des Buches … und blieb an einem Gedicht von Khalil Gibran hängen:
Die Furcht vor der Hölle
ist die Hölle selbst,
und die Sehnsucht nach dem Paradies
ist schon das Paradies.
Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster und stellte erstaunt fest, wie sich ihre Stimmung im Lauf des Tages verändert hatte. Ja, der Spaziergang am Rhein entlang, das Alleinsein in der Natur … die friedliche Ruhe … das war wie Balsam gewesen auf ihre seelischen Wunden. Das Gespräch mit dem älteren Herrn hatte sie danach noch lange beschäftigt … und sie wollte unbedingt im Internet nachforschen, ob sie etwas fand über das Thema “Kraft der Vorstellung”. Sie schenkte sich eine weitere Tasse Tee ein und setzte sich an ihren PC … und saß dort bis spät in die Nacht, sich immer begeisterter in das Thema einlesend. Eine neue Welt, die sich ihr da eröffnete …
Kapitel 7
Was kitzelte sie denn da an der Nase? Irritiert öffnete Christina die Augen, gähnte herzhaft und reckte und streckte sich … oh, es waren Sonnenstrahlen! Sie hatte sich erst am frühen Morgen vom PC losreißen können, so fasziniert hatte sie sich durch viele Seiten gelesen, die sie zum Thema gefunden hatte … und nun war es bereits Mittag, und die Sonne schien auf ihr Bett.
Einen Moment lang schloss sie genießerisch die Augen … dann spürte sie, wie ihr Herz laut und schnell zu klopfen begann, denn sie erinnerte sich an das, was sie nachts gelesen hatte. “Ich bin der Gestalter meiner Realität” war zum Beispiel eine Aussage, die sie sofort angesprochen hatte. Das wäre doch toll – kein hilfloses Opfer der Umstände oder des Schicksals zu sein, sondern SELBER zu gestalten … nach den eigenen Vorstellungen, Wünschen und Träumen. Eine schöne Vorstellung … und sie würde es auf jeden Fall ausprobieren, denn da war ihr Forschergeist geweckt!
Frühstück. Hm. Sie hatte nichts mehr im Kühlschrank, und … Ein breites Grinsen eroberte ihr Gesicht. “Und täglich grüßt das Murmeltier … das spiele ich jetzt auch!” murmelte sie fröhlich vor sich hin, sprang unter die Dusche, zog sich eine enge Jeans und eine bunte Bluse an und machte sich auf den Weg zum Café.
Fröhlich lächelnd betrat sie es, rief dem jungen Mann hinter der Theke ein “Schönen guten Morgen, bitte einen Milchkaffee und das kleine Frühstück!” zu, griff nach der Tageszeitung und suchte sich einen schönen Platz an einem größeren Tisch aus. “Hey, ihr lieben Helfer da oben – ich hätte hier gleich gerne richtig nette Leute mit am Tisch sitzen, mit denen ich mich gut unterhalten kann. So ne gemütliche, fröhliche Runde – o.k.? Danke!”
Mit dem Gedanken “na, ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, bereit für alle möglichen Überraschungen” vertiefte sie sich in einen Artikel.
*
“Na komm, wir holen Dich ab, und dann gehen wir gemeinsam nen Kaffee trinken!” Die Stimme am Telefon ließ gar keinen Widerspruch zu, und so sagte Oliver seufzend zu. Irgendwie war heute nicht sein Tag, aber vielleicht war es dann genau das Richtige, sich ablenken zu lassen.
Zehn Minuten später klingelten seine Freunde auch schon an der Tür, und gemeinsam spazierten sie zum Café. Es war inzwischen ziemlich voll geworden … es war Samstagmittag, und viele Studenten kamen um diese Zeit erst zum Frühstück hierher. An einem größeren Tisch war noch Platz, und sie setzten sich zu der jungen Frau, die in ihre Zeitung vertieft war und auf die Frage, ob man sich dazusetzen dürfe, ohne aufzusehen genickt hatte. Schnell war man in einer angeregten Diskussion über die Ereignisse der letzten Tage, kommentierte die Fußballspiele vom Vorabend und das Trainingsergebnis der Formel-1. Als der Kaffee gebracht wurde und die Diskussion für einen Moment unterbrach, wurde Oliver von einem seiner Freunde mit dem Ellbogen angeschubst. “Hey, schau mal … das ist ja ne Süße!” Die Blicke der Freunde wanderten zu der jungen Frau am Tisch, die – als würde sie es spüren – aufsah. Interessiert musterte sie freundlich einen nach dem Anderen … bis sie an einem der Gesichter hängenblieb. Was für tolle Augen! Hatte sie die nicht schonmal gesehen … ?
Kapitel 8
Sie senkte ihren Blick und tat so, als würde sie weiterlesen … stattdessen dachte sie angestrengt darüber nach, wo sie nur diese tollen Augen schonmal gesehen hatte. Doch es fiel ihr partout nicht ein …
Die Jungs hingegen hatten wieder an ihre muntere Unterhaltung angeknüpft, relativ schnell ihren Kaffee getrunken und winkten nun der Bedienung, um zu bezahlen. “Hm, schade. Irgendwie hat das mit der Lieferung des Universums aber nicht richtig geklappt”, dachte sich Christina. Sie hatte sich doch nette Leute bestellt, MIT denen sie sich gut unterhalten konnte … aber es hatte sich keine gute Gelegenheit ergeben, sich am Gespräch zu beteiligen.
Sie beschloss, die Zeitschrift noch zu Ende zu lesen, und dann wieder heimzugehen. Auf der letzten Seite der Zeitschrift waren die Wochenhoroskope abgedruckt … neugierig las sie, was ihrem Sternzeichen, dem Stier, für die folgende Woche vorausgesagt wurde:
Sie sollten mit Ihren Gefühlen kein Versteckspiel veranstalten. Wenn der Partner in Bezug auf Ihre Wünsche und Bedürfnisse im Dunkeln tappt, hat er es nicht leicht, Sie glücklich zu machen. Und Sie schmollen auch noch! Nun springen Sie mal über Ihren Schatten, und kommen Sie heraus mit der emotionalen Sprache.
“Dürfen wir uns dazusetzen?” Eine sonore Männerstimme ließ sie wieder aufblicken, ein freundliches Lächeln begegnete ihr, und sie nickte. Ha, DAS sind sie aber jetzt! 3 nette junge Männer, die ihr freundlich zunicken … JETZT würde sie die Zeitschrift zuklappen und in die Offensive gehen! Wenn sie jetzt nur wüsste, was mit “emotionaler Sprache” gemeint war … ach, sie würde einfach nach Gefühl handeln und reden.
Wunderbar! So einfach war’s also … schon war sie mitten drin in einer witzigen Diskussion, bei der sie viel Spaß hatte. Der Spaß wurde nur getrübt durch die Tatsache, dass sie ständig husten musste – die Jungs rauchten leider ziemlich viel, und sie vertrug den Qualm überhaupt nicht. Ob sie – so rein nach Gefühl – mal fragen sollte, ob sie ihr zuliebe zum Rauchen rausgehen könnten? Gerade als sie sich zu der Frage durchgerungen hatte, wurde lautstark ne Runde Schnaps bestellt …
Kapitel 9
Ehe Christina sich versah, hatte sie ein Schnapsglas vor sich stehen, und die drei Jungs prosteten ihr fröhlich zu. Vertraulich legte ihr der rechts von ihr Sitzende einen Arm um die Schultern und meinte: “Na komm, lass uns erstmal richtig Brüderschaft trinken!”
Moment mal! SO aber nun auch nicht. Energisch wand sich Christina aus seinem Arm und sagte laut in die Runde: “Nein danke, ICH brauche zum Fröhlichsein keinen Alkohol! Und ich geh jetzt lieber ne Runde draußen spazieren … Wünsche euch noch nen schönen Tag!”
Ihre Schritte lenkten sie zum Rhein. So wie sie das Ufer erblicken konnte, wurde ihr warm um’s Herz bei der Erinnerung … wie schnell sich ihre trübe Stimmung gewandelt hatte, wie zuversichtlich sie geworden war durch diese Zeit alleine in der Natur. Sie suchte sich einen flachen Stein, auf den sie sich bequem setzen konnte, um auf’s Wasser zu schauen. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie alles gelesen hatte in der Nacht … irgendwas hatte nicht so geklappt wie gewünscht. Hatte sie nicht genau genug “bestellt”? Wieso waren da immer so “gravierende Mängel”? Hmmmm ….
Ach ja! Sie fühlte sich plötzlich wie Wickie aus der Zeichentrickserie … der sich erst an der Nase reibt, und dann plötzlich DIE Idee hat. Sie hatte vergessen sich einzufühlen … sie hatte vergessen, sich das wunderbare Gefühl vorzustellen, dass sie haben würde, wenn “ihre Bestellung” geliefert worden war. Und dann wären niemals Männer dabei gewesen, die rauchen oder trinken würden!
Sie schloss die Augen, sah sich wieder in einer fröhlichen Runde … und einer der Jungs gefiel ihr ganz besonders gut! Es kribbelte am ganzen Körper, das Herzglühen war wieder da … ach, herrlich fühlte sich das an. Sie ließ sich fallen in dieses Gefühl, genoss es … vergaß Zeit und Raum und gab sich ihren Phantasien hin.
Da fühlte sie plötzlich etwas Kaltes an ihrem Bein. Irritiert öffnete sie die Augen …
Kapitel 10
“Hey, Du bist ja ein Süßer!” Christina kraulte das kleine Fellbündel, das ihr vertraulich die Vorderpfoten auf die Beine gelegt hatte und sie mit schiefgelegtem Kopf anschaute, hinter den Ohren. Sie schaute sich um – weit und breit war niemand zu sehen. Hatte es etwa jemand über’s Herz gebracht, diesen süßen kleinen Hund auszusetzen? Aber, da hörte sie ein Stimme rufen: “Oskar! Ooooooooooooooskaaaaaaaaar! Kommst Du wohl hierher?” Am Deichrand tauchte das vom schnellen Laufen erhitzte Gesicht eines Mannes auf. Suchend blickte er sich um, erblickte Christina, und – dem Strahlen, das sich nun auf seinem Gesicht ausbreitete nach zu urteilen – auch Oskar. Schnell lief er die Böschung hinab und hockte sich zu Christina, Oskar an sich drückend. “Hey Du Ausreißer, ich hab dich schon überall gesucht!” Zu Christina gewandt meinte er lachend: “Ich glaube, ich bin nicht autoritär genug – nie macht er das, was ich ihm sage! Ach übrigens – ich heiße Alexander.”
Christina stellte sich ebenfalls vor, und sie beschlossen, gemeinsam mit Oscar ein Stück am Rhein entlang zu laufen. Schnell waren sie in eine angeregte Unterhaltung vertieft, und als sie bemerkten, dass sie hungrig und durstig geworden waren, gingen sie in ein kleines Café. Sie saßen schon eine Weile am Tisch, als es Christina wie ein Blitz durchzuckte: Es war ja schon WAHR geworden! Ihre Vision, in die sie sich eingefühlt hatte! Sie saß doch tatsächlich in einer fröhlichen Runde an einem Tisch, ihr gegenüber saß ein Mann, der ihr sehr gut gefiel, und sie fühlte sich phantastisch! WOW, das ging ja schnell! Und als Alexander sie fragte, ob sie abends Lust hätte, mit ihm ins Kino zu gehen, fühlte sie sich schon auf dem Weg in den 7. Himmel. Freudig sagte sie zu …
Kapitel 11
Mit einer großen Tüte Popcorn saßen sie im Kino und schauten sich “Harry Potter” an. Nun ja, nicht so ganz der Film, den sie sich vorgestellt hatte, aber er hatte sie so begeistert gefragt, ob sie gerade diesen Film mit ihm anschauen wollte, dass sie ihn nicht enttäuschen wollte. Und so ein Kinobesuch war ja eh nur die Einleitung für einen schönen Abend.
Als sie aus dem Kino herauskamen, atmete sie tief die laue Sommerabendluft ein – herrlich, ein Abend wie geschaffen, um in einem der Straßencafés noch etwas zu trinken und zu plaudern. Sich näher kennenzulernen … und so fragte sie: “Du, gehen wir noch rüber auf die Bolkerstraße? Es ist so ein schöner Abend … ” In dem Moment klingelte sein Handy, das er gerade erst wieder angemacht hatte. Mit den Worten “Oh, Du, Moment bitte … das ist geschäftlich” ging er ein paar Schritte weiter, wechselte ein paar Worte und kam dann mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck zurück. “Du, das tut mir sehr leid, aber ich … muss nochmal ins Büro, es gibt da Probleme mit einem … hm … Programm … Kann ich Dich zuhause absetzen?”
Christina wollte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen und sagte daher betont fröhlich: “Ach Du, das ist nett gemeint, aber der Abend ist zu schön um jetzt schon nach Hause zu gehen. Ich werde noch ein bißchen durch die Stadt spazieren. Und Du … sei nicht zu fleißig!” Sie reichte ihm die Hand zum Abschied und wollte sich umdrehen, da hielt er sie fest und fragte: “Darf ich Dich mal anrufen? Gibst Du mir Deine Telefonnummer?” Christina zögerte kurz … ihr Gefühl war dagegen, aber sie schob es auf das Gefühl der Enttäuschung und der “gekränkten Eitelkeit”. So nannte sie ihm ihre Handynummer …
Wenig später hatte sich ihre Stimmung extrem gebessert. Sie war kurz entschlossen alleine zur Bolkerstraße spaziert, hatte dort eine ihrer besten Freundinnen getroffen, die mit Kolleginnen unterwegs war, und da sie die Meisten von einer Feier her kannte und es eine nette kleine Truppe war, schloss sie sich an … und es wurde ein fröhlicher Abend mit viel Gelächter. Als es kühler wurde, gingen sie in ein Lokal, in dem es eine kleine Tanzfläche gab … und ausgelassen wie sie waren, fanden sie auch schnell Anschluss an eine Herrenclique, und es wurde viel getanzt und gelacht. Christina war von einer längeren Tanzrunde völlig aus der Puste und stellte sich an den Rand der Tanzfläche, um den Tanzenden zuzuschauen. Mit einem Bierdeckel fächerte sie sich Luft zu, pustete eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, weg … was war das für ein toller Abend geworden, nachdem er so verkorkst angefangen hatte. Sie lächelte vergnügt … da flüsterte ihr jemand in’s Ohr: “Wunderschön!”
Verblüfft drehte sie sich um, doch da war niemand …
Kapitel 12
Nach einem ausgedehnten Frühstück auf ihrem Balkon nahm sich Christina eins der Bücher zur Hand, welches sie sich zum Thema “Realitätsgestaltung” in der Bücherei ausgeliehen hatte. Das Thema hatte es ihr nun angetan, und sie wollte so viele Informationen wie möglich dazu bekommen. “Hm, wünschen, sich einfühlen, und dann so tun als ob das Gewünschte schon da ist … wie soll das denn funktionieren?” Nachdenklich schaute sie in den Himmel, beobachtete ein paar kleinere Wolken … “Wenn ich mir jetzt wünschen würde, dass es gleich regnet, und ich mich einfühle, wie es sich anfühlt, durch die Pfützen zu springen … wie würde ich dann handeln, jetzt, wo das Gewünschte noch nicht da ist, ich aber so tue als ob? Soll ich dann mit einem aufgespannten Regenschirm herumspazieren?”
Irgendwie hörte sich das sehr schräg an … lag aber vielleicht am Thema “sich anderes Wetter wünschen”
Also, ein anderes Thema … ja, genau, fange ich doch direkt mal an mit dem “Projekt Mann” …
Wünschen, einfühlen wie’s ist wenn er da ist … und dann: so tun als ob er schon da wäre! Das heißt also … hmmmmmmmm … so tun als ob ich einen neben mir laufen / sitzen hätte?
Na gut, einen Versuch ist es wert. Und so wurde “Olli” geboren, der “noch unsichtbare Mann” an ihrer Seite. “Oh, mein Schatz, warte kurz – ich ziehe mir nur grad was Hübsches an, bevor wir einkaufen gehen!” sagte sie übermütig in die Richtung des “Unsichtbaren” … oh ja, DAS konnte ein schöner Spaß werden, auf alle Fälle war damit das “sich in eine fröhliche Erwartungshaltung bringen” schon erreicht. Kichernd stellte sie sich einige Situationen vor und rief dann laut “Heute bezahlst DU aber die Einkäufe, Olli!”
Kapitel 13
Oliver schaute seufzend aus dem Fenster seines Büros. Seit einigen Tagen konnte er sich kaum auf seine Arbeit konzentrieren, denn ständig wanderten seine Gedanken zu dieser Frau, die ihm nun irgendwie ständig über den Weg lief … am Rhein … im Café …
Und wie sie ihn angeschaut hatte, beim letzten Mal … er war völlig fasziniert gewesen von ihren wunderbaren Augen, die ihn so geheimnisvoll angeschaut hatten. Er hatte sofort gemerkt, dass sie sich erinnerte an ihn – aber auch, dass sie nicht mehr wusste woher. Und das gefiel ihm irgendwie sehr
Was konnte er nur tun, um sie wiederzusehen? Welchen Weg gab es, um sie näher kennenzulernen? Sein Grübeln wurde das Klingeln des Telefons unterbrochen. “Hallo Oliver, ich wollte nur kurz fragen, ob Du heute am späten Nachmittag den Termin von Klaus übernehmen kannst? Er ist krank geworden … ” Es war der Lehrer des “Zaubererlehrgangs”, den er seit einem Jahr besuchte, und der kleinere Auftritte seiner Schüler organisierte. Oliver hatte sich damit einen Kindheitstraum erfüllt – schon immer hatten ihn Zaubertricks begeistert, und das Einstudieren machte ihm große Freude. Und besonders liebte er die Vorführungen vor kleinen Kindern … ihre Augen leuchten zu sehen, das Staunen zu erleben … das war für ihn der schönste Lohn.
“Ja, gerne, wo findet die Vorführung statt?” Die Vorfreude lenkte ihn nun ab, seine Gedanken waren jetzt damit beschäftigt, welche Tricks er vorführen würde. Er machte früh Feierabend, zog sich bereits zuhause sein “Zaubereroutfit” an und machte sich zu Fuß auf den Weg durch die Fußgängerzone.
*
Christina hatte einen vergnüglichen Tag … zuerst war sie mit “Olli” einkaufen gegangen. An der Käsetheke hat sie zur Verblüffung der Umstehenden eine “Diskussion” darüber geführt, ob man sich auf “Pikantje” einigen könne zum Frühstück … und an der Kasse hat sie mit einem Seufzen gemurmelt: “Na gut, wenn Du Dein Portemonnaie mal wieder vergessen hast, dann zahl ich halt nochmal!” Sie kam sich vor wie die Hauptdarstellerin einer Komödie und spürte, dass ihr das einen Heidenspaß bereitete. Vielleicht lag ja in diesem Bereich ihre Berufung … ? ![]()
Nachdem sie die Einkäufe nach Hause gebracht hatte, beschloss sie, einen Einkaufsbummel zu machen, denn ein schönes Sommerkleid fehlte noch in ihrem Kleiderschrank. Zielstrebig steuerte sie ihre Lieblingsboutique an – ja, da hing auch schon ein Kleid, das ihren Vorstellungen entsprach. “Los, komm Olli, zieh nicht so ein Gesicht. Ich beeil mich auch!”
Das Kleid passte ihr wie angegossen, die Farben standen ihr wunderbar … sie trat aus der Umkleidekabine heraus und drehte sich begeistert vor dem großen Spiegel hin und her. “Na, wie gefalle ich Dir in diesem tollen Kleid?” fragte sie “Olli”, ihr Spiegelbild betrachtend. Plötzlich sah sie im Spiegel ein Gesicht auftauchen … ein Mann mit einem merkwürdigen Hut … der über ihre Schulter schaute. Er grinste breit und sagte “Wunderbar!”.
Als Christina sich von ihrer Verblüffung erholt hatte und sich nach dem Mann umschaute, war niemand zu sehen. Hatte sie geträumt?
Kapitel 14
“Also, das Kleid passt Ihnen ja wie angegossen! Und die Farben stehen Ihnen hervorragend!” Die Verkäuferin schaute sie ganz begeistert an, betrachtete sie von allen Seiten und meinte dann: “Ich geb Ihnen 10 % Nachlass, es ist ein Einzelstück!”
Strahlend verließ Christina die Boutique … “Olli, mein Schatz, gehen wir jetzt ein Eis essen oder schauen wir erst noch nach passenden Schuhen?” Sie blieb unschlüssig stehen … da klingelte ihr Handy, und als sie auf das Display schaute, machte ihr Herz einen kleinen Aussetzer: Nils!
“Hi Nils!” “Hi Christina! Du … ich … ich wollte nicht stören, sondern nur kurz fragen, ob ich morgen Abend mal vorbeikommen kann? Ich hab noch ein paar Sachen von Dir, die wollte ich Dir vorbeibringen … und dann gleich meine Sachen mitnehmen. Ist das morgen o.k. für Dich?” “Ja klar, morgen gegen 19 Uhr?” “Ja, o.k. … ich kann aber nicht lang bleiben, hab um 20 Uhr schon eine Verabredung ….”
Christina klappte ihr Handy zu und steckte es in die Tasche. Ihre gute Laune war wie weggeblasen. Nils wollte seine Sachen abholen … das wird dann wohl das letzte Treffen sein. Wehmut erfasste sie … und da ihr sowohl der Appetit auf ein Eis als auch die Lust auf’s Schuhe aussuchen vergangen war, ging sie nach Hause. Sie ärgerte sich, dass so ein kurzer Anruf ihr dermaßen die gute Laune verderben konnte. Warum war das nur so? Hing ihr Herz doch noch so sehr an Nils? War da doch noch Hoffnung gewesen? Je mehr sie sich gedanklich mit ihm beschäftigte, desto trauriger wurde sie. Mist, was nun? Wie konnte sie sich wieder auf andere Gedanken bringen? Sie klappte ihr Handy auf … wen könnte sie jetzt anrufen? Wer wäre in dieser Situation der passende Gesprächspartner? Sie öffnete ihr Adressbuch … Alexander! Na klar – direkt der erste Eintrag war’s!
Leider war er nicht erreichbar, daher hinterließ sie auf seiner Mailbox eine Nachricht: “Hi Alexander, Christina hier! Ich hab für Samstagabend zwei Theaterkarten gewonnen, hast Du Lust mitzukommen? Ich würde mich freuen, sag mir doch bitte kurz Bescheid!” Na ja, so ganz richtig war das nicht … die Karten hatte sie schon vor Monaten gekauft, für Nils und sich, aber das hatte sich ja nun erledigt. Und wissen brauchte Alexander das nicht …
*
Das Klingeln seines Telefons riss Oliver aus seinen Träumen. Was war los? Hatte er verschlafen? Seine Hand tastete nach dem Hörer: “Oliver? Hab ich Dich etwa geweckt?” “Ja, aber ist schon o.k. … was gibt es denn so Wichtiges?” “Du, ich bräuchte da mal Deine Hilfe als Freund ….” Oliver seufzte leise. Hatte er etwa schon wieder Zoff mit seiner Herzallerliebsten? In den letzten Monaten hatte Alexander so einige Nächte auf Olivers Couch verbracht, dazu ungezählte Anrufe mitten in der Nacht, wenn er Rat brauchte ….
“Ich hab Eine kennengelernt … und, Du weißt ja, mit Susanne gibt’s in letzter Zeit nur Stress. Also … nun … hm …. ich … äh … ich bräuchte für Samstagabend ein Alibi, kann ich da offiziell mit Dir verabredet sein? Bitte!” Nun seufzte Oliver laut. Das passte ihm nun gar nicht, für ein Alibi herzuhalten, aber als guter Freund … “Na o.k., aber bitte nur das eine Mal, ja? Du weißt, ich halte von solchen Heimlichkeiten nix!”
Kopfschüttelnd beendete er das Telefonat und versuchte wieder einzuschlafen. War das richtig gewesen? Oder hätte er – GERADE als Freund – ablehnen sollen? Nun ließ er sich in etwas hineinziehen, was er nicht gutheißen konnte. Seufzend drehte er sich von einer Seite auf die Andere. Wie kam er nur von diesem Gedankenkarussell weg? Da erinnerte er sich an seinen Weg durch die Fußgängerzone, am späten Nachmittag … an den Moment, als er die junge Frau erblickte, die ihm nun ständig über den Weg lief … wie er sie die Boutique betreten sah … dann, wie sie sich strahlend im Spiegel betrachtete und grad in dem Moment, als er sich ihr wie zufällig von hinten genähert hatte, laut gefragt hatte “Na, wie gefalle ich Dir in diesem tollen Kleid?”
Da er niemanden sah, dem diese Frage gelten konnte, war er zuerst völlig verblüfft, aber dann hatte er spontan und grinsend “Wunderbar!” geantwortet … um danach ganz schnell zu verschwinden. DAS hatte er als Zauberer ja gelernt! Lächelnd schlief er ein … und in seinen Träumen traf er sie wieder …



[...] *** Dreimal schwarzer Kater *** – Kapitel 15 Was bisher geschah … [...]