Die folgenden Tage und Wochen erlebte sie wie in Trance … sie nahm kaum wahr, was um sie herum geschah, so sehr war sie in ihrer Trauer gefangen. Dieser Schmerz … und diese Sehnsucht, die nicht weniger wurde, sondern von Tag zu Tag zunahm. Wie sollte sie das nur aushalten?
Eines Tages, sie wischte sich gerade verstohlen einige Tränen ab, die ihr über die Wange rollten, kam eine ihrer Tanten auf sie zu. Sie hatten gemeinsam auf einem Feld gearbeitet, jede in ihre Arbeit und ihre Gedanken vertieft … doch nun nahm ihr die Tante sanft die kleine Schaufel aus der Hand, zog sie zu sich hoch und nahm sie fest in die Arme. Sie sagte nichts … hielt sie nur ganz, ganz fest im Arm. Erst rollten die Tränen vereinzelt … zaghaft … aber dann wie ein Sturzbach. Sie hatte sie so lange so mühsam zurückgehalten, nun gab es kein Halten mehr. Und es tat so gut, dass da jemand war, der sie tröstend im Arm hielt.
Nach einiger Zeit löste sie sich etwas aus der festen Umarmung, um ihre Tante anzuschauen. Erschrocken stellte sie fest, dass auch sie weinte. „Tante, was ist los, warum weinst Du auch?“ Wehmütig lächelnd strich ihr die Tante über die Wange. „Ich kenne Deinen Schmerz … ich kenne ihn … und obwohl schon so viel Zeit vergangen ist, ist er immer noch gleich stark. Was war ich dumm … doch ich kann die Zeit nun mal nicht zurückdrehen ….“
Die junge Frau schaute ihre Tante verständnislos an. Wovon redete sie? „Mein Kind, Du bist nicht die Erste in unserer Familie, die sich gegen die Liebe entschieden hat. Du bist nicht die Erste, die den Weg des Leidens gewählt hat … die verzichtet hat, aus der Angst heraus, ihre Familie und Freunde zu verletzen, sie zu verlieren … weil sie nicht verstehen und akzeptieren würden. Du bist nicht die Erste … Aber ….“ Sehr ernst schaute sie nun ihre Nichte an, „ aber Du kannst die Erste sein, die den Mut hat, ihrem Herzen zu folgen.“
Nun liefen wieder viele Tränen bei der jungen Frau. Leise flüsterte sie: „Es ist zu spät, er ist längst fort.“ Es folgte eine lange Stille … und dann hörte sie ihre Tante sagen: „Wenn Du es wirklich willst … dann kann ich Dir sagen, wo Du ihn findest. Er hat mir den Ort genannt, an dem er auf Dich wartet.“
Ungläubig schaute sie ihre Tante an … ihr Herz begann zu rasen … und dann, allmählich, verstand sie. Sie schloss die Augen … sie sah ihn vor sich stehen … wie er die Arme ausbreitete … strahlend.
„Ja … ja … ich will!“


