Am Anfang aller Zeit - Fortsetzung “Drama”
29. März 2008 von zauberliebe
Die Jahre vergingen. Jeden Abend ging sie zu der Stelle am Bach, wo sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Jedes Mal zerriss ihr der Schmerz fast das Herz. Warum nur war er fortgegangen? Wie konnte er ihr das antun? Sie hätten wenigstens die gestohlenen Stunden jeden Abend gehabt – nun war ihr nichts geblieben außer der unendlichen Sehnsucht nach ihm.
Viele Männer warben um sie – sie war eine attraktive, interessante Frau. Doch keiner schaffte es, ihr Herz zu berühren, so wie ER es geschafft hatte. Und für sie wäre es wie ein Verrat gewesen an ihrer großen Liebe. So blieb sie all die Jahre allein … und lebte in der Erinnerung an die schöne Zeit, die sie gemeinsam erlebt hatten.
Für die Leute ihres Stammes war sie eine Verrückte … sie arbeitete sehr viel, sprach kaum, lächelte stets still vor sich hin … und jeden Abend ging sie zu dem Bach an der Grenze des Reviers. Einige waren ihr gefolgt, um zu schauen, was sie dort machte … und kehrten zurück mit der Beobachtung, dass sie einfach still und mit geschlossenen Augen auf einem Stein sitzen würde, so wie immer vor sich hinlächelnd. Eine Verrückte halt …
Mit der Zeit war sie alt und weißhaarig geworden. Sie fühlte, dass sich ihre Zeit auf Erden dem Ende näherte … die Zeit war gekommen, an den Ort zu gehen, an dem sie sterben wollte … so trat sie zum letzten Mal den Weg zum Bach an. Der Weg war ihr so vertraut, dass sie ihn mit geschlossenen Augen hätte gehen können. Diesmal jedoch sah sie sich alles ein letztes Mal sehr genau an – so als müsse sie sich alles noch einmal genau einprägen, um es mitnehmen zu können in ein anderes Leben. Sie schaute nicht erwartungsfroh nach vorne, auf ihr Ziel, sondern schaute rechts und links, auf das, was gerade in ihrer unmittelbaren Nähe war. So war sie bis kurz vor den Stein gewandert … und sie nahm plötzlich war, dass etwas anders war als sonst. Irritiert schaute sie auf – und sah mit großem Schreck, dass jemand auf ihrem Stein saß. Niemals, in all den Jahren, hatte dort jemand gesessen! Und nun, ausgerechnet heute, saß dort ein Fremder …
Er saß mit dem Rücken zu ihr. Sie sah lange, weiße, lockige Haare … abgewetzte, zerschlissene Kleidung … einen von vieler Arbeit gebeugten Rücken. Sie ging langsam näher … und fühlte ihr Herz rasen. Plötzlich wusste sie ganz genau, wer dort saß …
Sie blieb regungslos stehen. Die Zeit stand still - kein Gedanke, kein Windhauch, kein Blätterrauschen, kein Vogelgesang. Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen … bis er sich langsam umdrehte und sie erblickte. Sie schauten sich an … minutenlang verharrend, staunend wahrnehmend, wie all die Gefühle von damals wieder da waren. Langsam hob er seine Hände, breitete die Arme aus. Wie in Trance ließ sie sich in seine Arme fallen … und sturzbachartig flossen bei ihr all die Tränen, die sie so viele Jahre zurückgehalten hatte. Er hielt sie fest umfangen, streichelte ihr beruhigend über’s Haar … und begann leise zu erzählen. Von seiner weiten Reise … von seinem großen Schmerz damals … von der Zeit, als die Wunde verheilt war und er sich zu seinem Erstaunen neu verlieben konnte. Er erzählte von seiner Frau, die er sehr geliebt hatte, von den Kindern, die sie bekommen hatten, von dem Haus am Meer, das sie gebaut hatten. Nun waren die Kinder groß, seine Frau war gestorben, und er war die lange Reise hierher zurück angetreten, um noch ein letztes Mal den Ort zu besuchen, an dem er so viele glückliche Stunden seiner Jugend verbracht hatte. Dass er sie nun hier antreffen würde … das würde ihn sehr, sehr glücklich machen. Er drückte sie wieder fest an sich, atmete den Duft ihrer Haut, schloss die Augen. Es kam ihm vor wie ein Wunder … wie ein Traum …
“Wie ist es Dir in Deinem Leben ergangen?”, fragte er sie. Lange wartete er auf eine Antwort, bis ihm bewusst wurde: er würde keine Antwort mehr von ihr bekommen …


